KI-Underwriting: Was Versicherer heute schon können und was sie noch nicht wagen.

KI-Underwriting: Was Versicherer heute schon können und was sie noch nicht wagen.

BaFin 2026: In sensiblen Bereichen wie Preisgestaltung und Risikoprüfung wird KI bei Versicherern selten genutzt. Dabei ist das der größte Hebel.

Apr 26, 2026

Transformation

KI im Backoffice ja, im Kern nein

Der Risikobericht der Aufsicht für 2026 zeichnet ein klares Bild: Immer mehr Versicherer setzen KI ein, vor allem zur Effizienzsteigerung im Backoffice. In sensiblen Bereichen wie der Preisgestaltung und der Risikoprüfung, also im Kern des Underwritings, wird KI dagegen selten genutzt. Die Versicherer trauen sich an die Ränder ihres Geschäfts heran, aber nicht an seinen Kern. Genau dort aber läge der größte Hebel.

Diese Zurückhaltung ist verständlich, aber sie ist auch eine verpasste Chance. Das Underwriting ist das Herzstück der Versicherung, der Ort, an dem über die Annahme eines Risikos und die Höhe der Prämie entschieden wird. Eine Verbesserung an dieser Stelle wirkt sich auf das gesamte Geschäft aus, anders als eine Verbesserung am Rand. Wer KI nur im Backoffice einsetzt, hebt einen kleinen Teil des möglichen Nutzens, während der große Teil ungenutzt bleibt.

Warum die Zurückhaltung berechtigt ist

Die Zurückhaltung hat gute Gründe, die man ernst nehmen muss. Die Preisgestaltung und die Risikoprüfung sind sensible Bereiche, weil sie den Kunden unmittelbar betreffen und weil Fehler hier teuer und folgenreich sind. Eine KI, die ein Risiko falsch bewertet oder einen Preis falsch kalkuliert, kann nicht nur einzelne Fälle, sondern systematisch viele Fälle betreffen. Die Tragweite eines Fehlers ist im Kern des Underwritings größer als am Rand.

Hinzu kommt die regulatorische Dimension. Die europäische Regulierung künstlicher Intelligenz stuft bestimmte Anwendungen im Versicherungsbereich, namentlich die Risikobewertung und die Preisgestaltung in der Lebens- und Krankenversicherung, als hochriskant ein. Damit unterliegen genau diese Anwendungen besonderen Anforderungen. Die Versicherer wissen das, und ihre Zurückhaltung spiegelt die Sorge, in einem hochregulierten Bereich Fehler zu machen, deren Folgen über den einzelnen Fall hinausreichen.

Was der Blick auf die Vorreiter zeigt

Ein Blick auf die internationale Entwicklung zeigt, dass die Vorreiter genau hier ansetzen. Der World-Insurance-Report von Capgemini für das Jahr 2026 beschreibt, dass nur eine kleine Minderheit der Versicherer KI wirklich in die Breite bringt, und dass diese wenigen Vorreiter sich deutlich besser entwickeln als der Rest. Sie wachsen schneller und werden am Kapitalmarkt höher bewertet. Der Unterschied liegt nicht darin, dass sie KI einsetzen, sondern darin, dass sie sie über das Backoffice hinaus in den Kern bringen.

Die große Mehrheit dagegen verharrt in der Erprobung, in Pilotprojekten und einzelnen Anwendungen, ohne den Sprung in die Breite und in den Kern zu schaffen. Genau dieser Befund deckt sich mit dem Bild der heimischen Aufsicht: KI ist im Backoffice angekommen, aber der Kern bleibt unberührt. Die Vorreiter zeigen, dass gerade der Schritt in den Kern den Unterschied macht, und dass die Zurückhaltung, so berechtigt sie ist, auch einen Preis hat.

Der Weg in den Kern führt über Erklärbarkeit

Der Schlüssel, um KI verantwortungsvoll in den Kern des Underwritings zu bringen, ist die Erklärbarkeit. Eine KI, deren Entscheidungen sich nachvollziehen und begründen lassen, kann auch in sensiblen Bereichen eingesetzt werden, weil sie die Sorge vor der undurchschaubaren Maschine entkräftet. Eine KI, die als Blackbox arbeitet, deren Ergebnisse niemand erklären kann, ist im Kern des Underwritings dagegen kaum vertretbar, weder gegenüber dem Kunden noch gegenüber der Aufsicht.

Erklärbarkeit bedeutet, dass nachvollziehbar ist, welche Faktoren zu welchem Ergebnis geführt haben. Ein Underwriter muss verstehen können, warum die KI ein Risiko so und nicht anders bewertet hat, und er muss diese Begründung gegenüber dem Kunden und der Aufsicht vertreten können. Wer seine KI von Anfang an auf Erklärbarkeit auslegt, schafft die Voraussetzung dafür, sie auch im Kern einzusetzen, ohne die regulatorischen Anforderungen zu verletzen.

Die richtige Aufgabenteilung

Auch im Underwriting gilt, dass KI vorbereiten und unterstützen, aber die verantwortliche Entscheidung beim Menschen liegen sollte, besonders in den sensiblen Bereichen. Die KI kann das Risiko bewerten, die relevanten Faktoren zusammentragen und einen Vorschlag machen, aber der Underwriter trifft die Entscheidung und trägt die Verantwortung. Diese Aufgabenteilung verbindet die Effizienz der KI mit der Verantwortung des Menschen und entspricht zugleich den regulatorischen Erwartungen.

Mit dieser Aufgabenteilung lässt sich auch die berechtigte Zurückhaltung auflösen. Wenn die KI nicht autonom entscheidet, sondern den Underwriter unterstützt, dann bleibt die sensible Entscheidung in menschlicher Hand, und die Sorge vor der unkontrollierten Maschine im Kern des Geschäfts verliert ihre Grundlage. Der Versicherer kann die Effizienz der KI im Underwriting nutzen, ohne die Kontrolle abzugeben, und genau das ist der Weg, den die Vorreiter beschreiten.

Der Unterschied zwischen Unterstützung und Entscheidung

Im Kern der Frage steht eine Unterscheidung, die oft verwischt wird: die zwischen Unterstützung und Entscheidung. KI, die den Underwriter unterstützt, indem sie Daten zusammenträgt, Risiken einschätzt und Vorschläge macht, ist etwas grundlegend anderes als KI, die autonom über Annahme und Preis entscheidet. Die erste lässt die Verantwortung beim Menschen, die zweite verlagert sie auf die Maschine. Genau diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum verantwortungsvollen KI-Einsatz im Underwriting.

Die regulatorischen Bedenken richten sich vor allem gegen die autonome Entscheidung in sensiblen Bereichen. Wenn KI dagegen unterstützt und der Mensch entscheidet, dann bleibt die sensible Entscheidung in menschlicher Verantwortung, und der größte Teil der Bedenken verliert seine Grundlage. Versicherer, die diese Unterscheidung beherzigen, können die Effizienz der KI im Underwriting nutzen, ohne in die regulatorisch heikle Zone der autonomen Entscheidung zu geraten.

Was der Aufstieg der Vorreiter lehrt

Der Befund, dass nur eine kleine Minderheit der Versicherer KI wirklich in die Breite bringt und dass diese Minderheit deutlich besser abschneidet, verdient genaue Betrachtung. Er bedeutet nicht, dass man KI um jeden Preis überall einsetzen sollte. Er bedeutet, dass der Unterschied zwischen Erfolg und Mittelmaß darin liegt, KI aus dem Pilotstadium und dem Backoffice in die wertschöpfenden Kernprozesse zu bringen. Die Vorreiter tun das diszipliniert und mit Augenmaß, nicht überstürzt.

Die Mehrheit dagegen bleibt in der Erprobung stecken, weil ihr der Schritt vom Pilot in den Kern zu riskant erscheint. Doch dieser Schritt ist es, der den Nutzen erschließt. Ein Pilotprojekt, das nie in den Kern kommt, bindet Ressourcen, ohne Wert zu schaffen. Die Lehre der Vorreiter ist deshalb, den Schritt in den Kern zu wagen, aber ihn abgesichert zu gehen, mit Erklärbarkeit, menschlicher Verantwortung und einem klaren Anwendungsfall.

Die regulatorische Klarheit als Hilfe, nicht als Hindernis

Viele Versicherer empfinden die regulatorischen Anforderungen an KI im Underwriting als Hindernis. Tatsächlich können sie eine Hilfe sein, weil sie Klarheit schaffen. Die Einstufung bestimmter Anwendungen als hochriskant sagt klar, wo besondere Sorgfalt nötig ist, und die Anforderungen an diese Anwendungen geben einen Rahmen, an dem man sich orientieren kann. Wer diesen Rahmen kennt und einhält, weiß, dass er auf sicherem Grund steht.

Die Anforderungen an Erklärbarkeit, Dokumentation und menschliche Aufsicht sind keine Schikane, sondern Eigenschaften, die einen guten KI-Einsatz ohnehin auszeichnen. Eine KI, die erklärbar ist, gut dokumentiert wird und unter menschlicher Aufsicht steht, ist nicht nur regulatorisch konform, sondern auch besser beherrschbar und vertrauenswürdiger. Die Regulierung treibt damit zu einer Qualität, die im eigenen Interesse liegt. Wer sie als Hilfe begreift, kommt schneller zu einem KI-Einsatz, der trägt.

Vom Backoffice in den Kern, Schritt für Schritt

Der Weg vom Backoffice in den Kern führt nicht über einen Sprung, sondern über Schritte. Ein Versicherer, der bereits KI im Backoffice einsetzt, hat Erfahrung gesammelt, die er nutzen kann. Der nächste Schritt ist ein klar abgegrenzter Anwendungsfall an der Grenze zum Kern, etwa die Unterstützung der Risikoeinschätzung durch eine KI, die Daten zusammenträgt und einen Vorschlag macht, während der Underwriter entscheidet. An diesem Anwendungsfall lernt das Haus, wie KI im sensiblen Bereich funktioniert.

Mit der gewonnenen Erfahrung und dem Vertrauen lässt sich der Einsatz schrittweise ausweiten, immer unter Wahrung der Erklärbarkeit und der menschlichen Verantwortung. So wächst die KI behutsam in den Kern hinein, ohne dass das Haus ein unkalkulierbares Risiko eingeht. Dieser Weg verbindet die Entschlossenheit der Vorreiter mit der Vorsicht, die der sensible Bereich verlangt, und er ist für die meisten Versicherer der realistische Weg, die Lücke zwischen Backoffice und Kern zu schließen.

Was Zurückhaltung kostet

Die berechtigte Vorsicht im Kern des Underwritings hat eine Kehrseite, die selten benannt wird: Auch das Nichthandeln hat einen Preis. Während ein Versicherer zögert, KI in die Risikoprüfung und die Preisgestaltung zu bringen, tragen seine Wettbewerber, zumindest die Vorreiter, genau dort die Effizienz und die Präzision hinein, die den Unterschied machen. Die Lücke zwischen den Vorreitern und dem Rest wächst, und sie wächst gerade dort, wo die Wertschöpfung am größten ist.

Das bedeutet nicht, dass Vorsicht falsch ist. Es bedeutet, dass die Vorsicht bewusst gewählt und nicht aus Trägheit verharrt sein sollte. Ein Versicherer, der nach reiflicher Abwägung entscheidet, in einem bestimmten Bereich noch nicht auf KI zu setzen, handelt verantwortungsvoll. Ein Versicherer, der das Thema einfach meidet, weil es unbequem ist, zahlt den Preis der Untätigkeit, ohne ihn je bewusst gewählt zu haben. Der Unterschied liegt in der bewussten Entscheidung.

Die Datenfrage im Underwriting

Ein Thema, das im Underwriting besonders zählt, ist die Qualität der Daten. KI im Underwriting ist nur so gut wie die Daten, auf denen sie beruht, und gerade in der Risikobewertung können Verzerrungen in den Daten zu systematisch falschen oder unfairen Ergebnissen führen. Ein Modell, das auf verzerrten historischen Daten beruht, kann Verzerrungen fortschreiben und damit nicht nur falsche, sondern auch rechtlich und ethisch problematische Entscheidungen treffen.

Deshalb gehört zur verantwortungsvollen Einführung von KI im Underwriting die sorgfältige Prüfung der Daten. Welche Daten fließen in das Modell, welche Verzerrungen könnten sie enthalten, wie werden unfaire Ergebnisse erkannt und vermieden? Diese Fragen sind im sensiblen Kern des Underwritings noch wichtiger als am Rand, und ihre Beantwortung ist ein wesentlicher Teil der Sorgfalt, die der Einsatz von KI im Kern verlangt. Wer die Datenfrage ernst nimmt, schützt sich vor Fehlern, die teuer und rufschädigend wären.

Underwriting bleibt ein Urteil

Bei allem Nutzen der KI bleibt das Underwriting im Kern ein Urteil, das Erfahrung, Branchenkenntnis und Verantwortung verlangt. KI kann dieses Urteil schärfen, indem sie mehr Daten zusammenträgt und Muster erkennt, die dem Menschen entgehen, aber sie ersetzt es nicht. Der gute Underwriter der Zukunft ist nicht derjenige, der von der KI ersetzt wird, sondern derjenige, der die KI als Werkzeug nutzt, um besser und schneller zu urteilen.

Genau diese Verbindung aus menschlichem Urteil und maschineller Unterstützung ist das Ziel. Sie nutzt die Stärke der KI, große Mengen an Daten zu verarbeiten, und die Stärke des Menschen, zu urteilen und Verantwortung zu tragen. Versicherer, die diese Verbindung im Kern ihres Underwritings herstellen, gehören zu den Vorreitern, die der Capgemini-Report beschreibt, und sie tun es auf eine Weise, die der Aufsicht standhält. Wir helfen Ihnen, diesen Weg zu gehen. Aus der Branche, für die Branche. Beginnen Sie mit einem Workshop.

Der Wettbewerb entscheidet sich im Kern

Am Ende wird sich der Wettbewerb der Versicherer dort entscheiden, wo die Wertschöpfung am größten ist, also im Kern des Underwritings. Ein Versicherer, der dort präziser und schneller arbeitet als seine Wettbewerber, gewinnt, weil er Risiken besser bewertet, fairere Preise bietet und schneller entscheidet. Genau diese Vorteile erschließt der durchdachte KI-Einsatz im Kern, und genau deshalb ist die Lücke zwischen Backoffice und Kern keine technische Randnotiz, sondern eine strategische Weichenstellung.

Vom Zögern zum bewussten Vorgehen

Die Botschaft des Risikoberichts und der internationalen Vorreiter ist nicht, dass jeder Versicherer sofort KI in den Kern seines Underwritings bringen muss. Die Botschaft ist, dass das Zögern bewusst sein sollte und nicht aus bloßer Scheu entstehen darf. Wer die Chancen, die Risiken und die regulatorischen Anforderungen kennt, kann eine kluge Entscheidung treffen, wann und wie er den Schritt in den Kern wagt, statt das Thema unbestimmt vor sich herzuschieben.

Was Versicherer jetzt wagen sollten

Der erste Schritt ist, die eigene Zurückhaltung ehrlich zu prüfen. Beruht sie auf einer fundierten Risikoabwägung oder auf einer allgemeinen Scheu vor dem sensiblen Bereich? Oft ist es die Scheu, und sie kostet mehr, als sie schützt. Der zweite Schritt ist, einen klar abgegrenzten Anwendungsfall im Underwriting zu wählen, in dem KI unterstützt, der Mensch entscheidet und die Entscheidungen erklärbar bleiben. An diesem Anwendungsfall lässt sich lernen, wie KI im Kern verantwortungsvoll funktioniert.

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Der dritte Schritt ist, von diesem Anwendungsfall aus schrittweise zu erweitern, immer mit wachsender Erfahrung und immer unter Wahrung der Erklärbarkeit und der menschlichen Verantwortung. So entsteht aus der Zurückhaltung kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein behutsamer, aber entschlossener Weg in den Kern des Geschäfts. Wir helfen Ihnen, diesen Weg zu gehen, von der ehrlichen Prüfung der Zurückhaltung über den ersten Anwendungsfall bis zur schrittweisen Erweiterung. Aus der Branche, für die Branche. Beginnen Sie mit einem Workshop.

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