Die Schadeninflation steigt, die Kernsysteme stehen still. Versicherer können nicht beides ignorieren.

Die Schadeninflation steigt, die Kernsysteme stehen still. Versicherer können nicht beides ignorieren.

2026 wird in der Versicherung das Jahr der Konsolidierung. Wer KI will, aber Altsysteme behält, baut intelligente Fassaden vor stehenden Maschinen.

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Mai 20, 2026

Transformation

Modernisierung lässt sich nicht länger vertagen

Die Prognose von Sollers Consulting für 2026 ist deutlich: Das Jahr wird in der Versicherungsbranche von Konsolidierung und Vereinfachung durch Technologieinvestitionen geprägt. Cloud und cloudbasierte Lösungen erleben einen Durchbruch und werden zum Industriestandard. Und es sei allerhöchste Zeit, die Modernisierung der Kernsysteme anzugehen, die laut Sollers zur obersten Priorität der Branche wird.

Das ist kein technischer Hinweis, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Die Schadeninflation, besonders in der Kfz-Versicherung, liegt anhaltend bei rund fünf Prozent und setzt die Margen unter Druck. Gleichzeitig stehen die Kernsysteme vieler Häuser technologisch am Limit. Wer den steigenden Kostendruck bewältigen will, aber auf veralteten Systemen sitzt, gerät in eine Zange, aus der es ohne Modernisierung kein Entrinnen gibt.

Intelligente Fassaden vor stehenden Maschinen

Viele Häuser versuchen, dem Modernisierungsdruck auszuweichen, indem sie moderne Oberflächen und KI-Funktionen vor ihre alten Kernsysteme setzen. Das erzeugt den Anschein von Fortschritt, ohne das eigentliche Problem zu lösen. Man baut intelligente Fassaden vor Maschinen, die im Inneren stillstehen. Die Oberfläche sieht modern aus, aber dahinter arbeitet weiter ein System, das den neuen Anforderungen nicht gewachsen ist.

Dieser Ansatz rächt sich, weil die Fassade nur so leistungsfähig ist wie das System dahinter. Eine KI-Funktion, die auf veraltete, schwer zugängliche Daten zugreifen muss, bleibt langsam und fehleranfällig. Eine moderne Oberfläche, die ein träges Kernsystem bedient, beschleunigt nichts. Der Versuch, die Modernisierung durch Fassaden zu umgehen, führt deshalb in eine Sackgasse, in der die Kosten steigen, ohne dass der Nutzen folgt.

Hinzu kommt, dass die Pflege der Altsysteme einen wachsenden Teil des Budgets verschlingt. Analysten schätzen, dass ein erheblicher Teil des IT-Budgets allein für den Betrieb der Legacy-Systeme gebunden ist, Kapital, das damit für Innovation fehlt. Je länger die Modernisierung aufgeschoben wird, desto mehr Mittel fließen in die Aufrechterhaltung des Alten, statt in den Aufbau des Neuen.

Warum gerade jetzt der Druck steigt

Mehrere Entwicklungen treffen 2026 zusammen und erhöhen den Druck. Die Fusionsaktivitäten, die schon 2025 das Marktgeschehen prägten, halten an und zwingen die Versicherer, ihre oft mehrfach vorhandenen Kernsysteme zu konsolidieren. Viele Häuser betreiben als Ergebnis früherer Übernahmen mehrere Kernsysteme parallel, deren Integration nie vollständig vollzogen wurde. Diese Vielfalt wird zur Last, die nur eine Modernisierung beseitigt.

Hinzu kommt der demografische Wandel. Im deutschsprachigen Raum ist die Dichte an Altsystemen besonders hoch, und das Wissen, diese Systeme zu betreiben, steckt in den Köpfen erfahrener Fachkräfte, die zunehmend in den Ruhestand gehen. Mit ihnen verschwindet die Fähigkeit, die alten Systeme überhaupt am Laufen zu halten. Die Modernisierung wird damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch personell dringlich.

Schließlich erhöhen die regulatorischen Anforderungen und die Cybersicherheit den Druck zusätzlich. Veraltete Systeme sind schwerer abzusichern und schwerer prüfungsfest zu betreiben. Was früher als verschiebbares IT-Thema galt, wird so zu einer Frage der Regelkonformität und der Sicherheit, die sich nicht länger vertagen lässt.

Die Schadeninflation als Beschleuniger

Die anhaltende Schadeninflation verschärft die Lage in besonderer Weise. Wenn die Kosten je Schaden steigen, lässt sich die Marge nur durch höhere Effizienz in der Bearbeitung halten. Doch genau diese Effizienz ist auf veralteten Kernsystemen kaum zu erreichen, weil sie weder die nötige Automatisierung noch die Datengrundlage für intelligente Steuerung bieten. Die Schadeninflation trifft damit ausgerechnet die Häuser am härtesten, die ihre Systeme nicht modernisiert haben.

Das ist die eigentliche Zange. Auf der einen Seite steigen die Kosten durch die Inflation, auf der anderen Seite verhindern die Altsysteme die Effizienzgewinne, die diese Kosten ausgleichen könnten. Wer in dieser Lage weiter auf Modernisierung verzichtet, sieht seine Margen schrumpfen, ohne gegensteuern zu können. Die Modernisierung ist damit kein Luxus, sondern die Voraussetzung, um im Schadengeschäft überhaupt wirtschaftlich zu bleiben.

Konsolidierung als Chance

Die anhaltende Konsolidierung der Branche, die Sollers als prägendes Merkmal des Jahres nennt, ist nicht nur ein Druckfaktor, sondern auch eine Chance. Eine Fusion oder Übernahme zwingt ohnehin dazu, die Systemlandschaften zusammenzuführen, und genau dieser Zwang lässt sich nutzen, um die Modernisierung gleich mitzudenken. Statt zwei alte Systeme nebeneinander weiterzubetreiben, kann das Haus die Gelegenheit ergreifen, auf eine moderne, gemeinsame Grundlage zu wechseln.

Wer diese Chance verstreichen lässt, vergrößert dagegen das Problem. Jede unvollständig integrierte Übernahme hinterlässt eine weitere Systemschicht, die gepflegt werden muss und die die Landschaft komplexer macht. Die Konsolidierung entscheidet damit darüber, ob ein Haus seine Systemlandschaft vereinfacht oder weiter verkompliziert. Die Modernisierung im Zuge der Konsolidierung mitzudenken ist deshalb klüger, als beide Themen getrennt zu behandeln.

Der Weg aus der Vertagung

Der erste Schritt aus der ewigen Vertagung ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche Kernsysteme sind im Einsatz, wie viel Budget binden sie, und wo sind sie technologisch am Limit? Diese Inventur macht das diffuse Unbehagen über die Altsysteme konkret und zeigt, wo der Handlungsdruck am größten ist. Sie ist die Grundlage für eine Roadmap, die die Modernisierung in beherrschbare Schritte zerlegt.

Der zweite Schritt ist die Verknüpfung mit der KI-Strategie. Statt die Modernisierung als reines IT-Projekt zu behandeln, sollte sie auf die Anwendungsfälle ausgerichtet werden, die den größten Nutzen versprechen. So entsteht aus der technischen Notwendigkeit ein Vorhaben mit klarem Geschäftsnutzen, das sich leichter rechtfertigen und finanzieren lässt. Die Modernisierung wird damit vom Kostenblock zum Wegbereiter der Wertschöpfung.

Der Mut zur schrittweisen Erneuerung

Viele Häuser schrecken vor der Modernisierung zurück, weil sie ein riesiges, riskantes Großprojekt fürchten. Diese Furcht ist berechtigt, wenn man die Modernisierung als einen einzigen großen Wurf versteht. Sie verliert ihren Schrecken, wenn man die Erneuerung in beherrschbare Schritte zerlegt, die jeweils einen klaren Nutzen liefern. Statt alles auf einmal zu wechseln, modernisiert man die dringendsten Bereiche zuerst und baut von dort aus weiter.

Dieser schrittweise Ansatz hat den Vorteil, dass jeder Schritt einen sichtbaren Erfolg bringt und das nächste Vorhaben trägt. Er reduziert das Risiko, weil ein einzelner Schritt überschaubar bleibt, und er hält das Haus betriebsfähig, weil nicht alles gleichzeitig umgebaut wird. So wird aus dem gefürchteten Großprojekt eine Folge handhabbarer Vorhaben, die in der Summe die Erneuerung bewirken.

Was auf dem Spiel steht

Letztlich entscheidet die Modernisierung über die Zukunftsfähigkeit des Hauses. Ein Versicherer, der auf veralteten Systemen sitzen bleibt, wird die steigenden Kosten nicht bewältigen, die KI nicht wirksam einsetzen und die regulatorischen Anforderungen nur mit wachsendem Aufwand erfüllen. Er fällt im Wettbewerb zurück, langsam, aber stetig. Ein Versicherer, der modernisiert, schafft die Grundlage, um effizient, regelkonform und innovationsfähig zu bleiben.

Die Frage ist deshalb nicht, ob die Modernisierung kommt, sondern ob das Haus sie aktiv gestaltet oder von den Umständen dazu gezwungen wird. Wer sie aktiv angeht, kann sie planen, finanzieren und mit der KI-Strategie verbinden. Wer wartet, wird sie unter Druck und zu schlechteren Bedingungen nachholen müssen. Die Entscheidung darüber fällt nicht in ferner Zukunft, sondern in den Planungen, die jetzt anstehen.

Beides zugleich denken

Die zentrale Erkenntnis ist, dass sich KI und Kernsystemmodernisierung nicht trennen lassen. Wer KI will, aber die Altsysteme behält, baut die erwähnten Fassaden und erntet Enttäuschung. Die KI entfaltet ihren Nutzen erst auf einer modernen, zugänglichen Datengrundlage, und diese liefert nur ein modernisiertes Kernsystem. Die beiden Vorhaben gehören deshalb zusammen geplant, nicht nacheinander.

Das bedeutet nicht, alles auf einmal umzubauen. Eine schrittweise Modernisierung, die die dringendsten Engpässe zuerst angeht und die KI dort einsetzt, wo die Datengrundlage es schon erlaubt, ist der gangbare Weg. Entscheidend ist, beide Themen als zwei Seiten derselben Strategie zu begreifen, statt die Modernisierung weiter vor sich herzuschieben und auf KI-Fassaden zu setzen.

Mehr zum Thema: KI-Underwriting: Was Versicherer heute schon können und was sie noch nicht wagen. und Telematik in der Kfz-Versicherung: Wer gut fährt, zahlt weniger. Wer das ablehnt, bezahlt für andere..

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