Fachkräftemangel in der Versicherung: Warum KI kein Ersatz ist, sondern der einzige Hebel

Fachkräftemangel in der Versicherung: Warum KI kein Ersatz ist, sondern der einzige Hebel

Ein Viertel der Versicherungsbelegschaft sind Babyboomer, die bald gehen. KI ersetzt sie nicht, sie hält ihr Wissen. Warum der Mangel ohne Technologie nicht zu schließen ist.

Jun 16, 2026

Organisation

Die KI geht nicht in Rente

Die Debatte um KI in der Versicherung dreht sich meist um Stellenabbau. Sie führt am Problem vorbei. Der Fachkräftemangel ist kein Grund, KI als Jobkiller zu fürchten, sondern der Hauptgrund, sie einzuführen, weil die Branche die ausscheidende Erfahrung anders kaum kompensieren kann.

Die Demografie ist eindeutig. Laut dem GDV gehört rund ein Viertel der Beschäftigten in der Versicherungswirtschaft zur Generation der Babyboomer, und ein erheblicher Teil davon geht in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand, das Durchschnittsalter liegt sowohl in der IT als auch im Innendienst bei gut 45 Jahren. Capgemini sieht in seinem World Property and Casualty Insurance Report 2025 die Überalterung als zentrale Herausforderung und hält fest, dass dieser Mangel nur durch Technologie kompensiert werden kann, denn die KI geht, anders als der Mensch, nie in Rente.

Warum Ersatz die falsche Vokabel ist

KI ersetzt in der Versicherung nicht den Menschen, sie hält Wissen und nimmt Routine ab. Das eigentliche Risiko der kommenden Jahre ist nicht ein Überhang an Personal, sondern ein Verlust an Erfahrung. Wenn langjährige Sachbearbeiterinnen und Underwriter gehen, nehmen sie ihr Wissen über Sonderfälle, Ausnahmen und ungeschriebene Regeln mit. Wer dieses Wissen nicht vorher in Systeme überführt, verliert es unwiederbringlich.

Wo KI die Lücke schließt

Am sichtbarsten in der Sachbearbeitung und im Innendienst, wo Routinevorgänge Kapazität binden, die anderswo fehlt. Im Wissensmanagement macht KI verstreutes Erfahrungswissen schneller auffindbar. Und im Onboarding verkürzt sie die Einarbeitung, indem sie neuen Mitarbeitenden Antworten liefert, die früher nur erfahrene Kollegen geben konnten. Der Versicherer Ergo etwa setzt KI gezielt für hyperpersonalisiertes Lernen ein, um dem Fachkräftemangel mit schnellerer Qualifizierung zu begegnen.

Eine Studie von V.E.R.S. Leipzig und Roland Berger benennt die richtige Reihenfolge des Problems, demografischer Druck und fehlender Nachwuchs treffen auf einen vielerorts noch schleppenden Technologieeinsatz und bringen Bereiche wie Kapitalanlage und IT an ihre Grenzen. Die Technologie ist also nicht das Risiko, ihr Fehlen ist es.

Was KI nicht kann

Sie führt kein schwieriges Schadengespräch, sie wägt keinen echten Ermessensfall ab, und sie baut kein Vertrauen auf. Die anspruchsvolle Beratung, der Umgang mit Ausnahmen und die Beziehung zum Kunden bleiben menschlich. Die richtige Formel heißt deshalb nicht Mensch oder KI, sondern Mensch und KI, der eine für Urteil und Beziehung, die andere für Volumen und Tempo.

Was Versicherer jetzt tun sollten

Drei Dinge lohnen sich sofort. Erstens das Wissen der bald ausscheidenden Erfahrenen sichern, in Systeme, Wissensdatenbanken und KI-gestützte Assistenz, solange diese Menschen noch im Haus sind. Zweitens die Prozesse klar genug machen, dass KI sie übernehmen kann, denn ein unklarer Prozess wird durch KI nur schneller falsch, wie sich auch bei der KI-Reife von Finanzinstituten zeigt. Drittens die KI-Kompetenz der eigenen Leute aufbauen, die der EU AI Act ohnehin verlangt.

Der Druck endet nicht im Innendienst. Er trifft auch den Vertrieb und die KI-Fähigkeit im Maklergeschäft, denn auch dort rücken weniger Nachwuchskräfte nach.

Der Wettlauf gegen die Demografie

Das Zeitfenster ist konkret, es sind die nächsten fünf Jahre, in denen die Ruhestandswelle läuft. Wer in dieser Zeit Wissen in Systeme überführt und Routine automatisiert, kompensiert den Abgang. Wer wartet, bis die Erfahrenen weg sind, kann ihr Wissen nicht mehr einsammeln. KI ist in dieser Rechnung kein Stellenrisiko, sondern die einzige Reserve, die nicht in Rente geht. Wenn Sie Erfahrungswissen sichern und Routine entlasten wollen, bevor die Ruhestandswelle Sie trifft, ist das der Ausgangspunkt einer Sotica-Potenzialanalyse.

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