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Atruvia gegen Finanz Informatik: Zwei Wege zur Kernbank-Migration, eine Erkenntnis
Atruvia industrialisiert, die Finanz Informatik setzt auf funktionale Tiefe. Warum jede Kernbankmigration trotzdem vor allem Prozessarbeit des Instituts ist.
Prozesse & Effizienz
6 min Lesezeit
Kernaussage
Eine Kernbankmigration ist Prozessarbeit, nicht nur ein IT-Projekt. Wer gewachsene Komplexität ungeprüft in das neue System überführt, bezahlt sie dort ein zweites Mal.

Die wichtigsten Erkenntnisse
Atruvia und FI gehen zwei verschiedene Wege
Beide bringen jeden Prozess auf den Prüfstand
Migration ist Prozessarbeit, nicht nur IT
Der Motorwechsel am fahrenden Fahrzeug
Ein Wechsel des Kernbanksystems sei „vergleichbar mit dem Wechsel des Motors beim PKW“, sagte Marko vom Stein, Geschäftsbereichsleiter Kernbankanwendungen der Finanz Informatik, im November 2025 im Interview mit dem IT-Finanzmagazin. Nur dass der Bankbetrieb währenddessen weiterläuft. Eine Kernbankmigration ist deshalb Prozessarbeit, nicht nur ein IT-Projekt: Wer gewachsene Komplexität ungeprüft in das neue System überführt, bezahlt sie dort ein zweites Mal.
Die beiden großen IT-Dienstleister der deutschen Verbundwelt, Atruvia auf der genossenschaftlichen und die Finanz Informatik auf der Sparkassenseite, gehen Migrationen auf unterschiedliche Weise an. Die Ansätze unterscheiden sich, doch eine Erkenntnis eint sie, und gerade sie ist für jedes Institut relevant, das vor einer Migration oder Fusion steht.
Was eine Kernbankmigration auslöst
Ein solches Großprojekt wird nur angegangen, wenn mehrere Gründe zusammentreffen. Vom Stein nennt regulatorische und technische Anforderungen sowie finanzielle Betriebsvorteile, die das bestehende System nicht mehr liefern kann. Stephan Milka, Geschäftsfeld-Lead Core Banking bei Atruvia, verweist im selben Interview auf das Lebensende bestehender Systeme, hohe Investitionen in veraltete und fragmentierte IT und den Wegfall von IT-Know-how. Als Hürden nennt er die Kosten und die Sorge, sich während des Projekts „aus dem Markt“ zu nehmen.
Für Institute in den Verbünden stellt sich die Frage meist anders als für Privatbanken: Der Wechsel auf die Verbundplattform OSPlus oder agree21 ergibt sich häufig aus einer Fusion oder aus dem Beitritt zu einer Gruppe. Gerade nach Fusionen treffen zwei Prozesswelten auf ein Zielsystem.
Welche zwei Wege Atruvia und Finanz Informatik gehen
Atruvia setzt auf Industrialisierung, die Finanz Informatik auf funktionale Tiefe. So fasst das IT-Finanzmagazin im April 2026 den „rot-blauen Vergleich“ zusammen.
Atruvia betreibt ein stark industrialisiertes, serielles Migrationsmodell, das inzwischen auch Privatbanken außerhalb des genossenschaftlichen Sektors offensteht. Seit 2021 hat Atruvia laut dem Bericht 22 Institute migriert oder deren Migration begonnen. Allein elf Sparda-Banken wechselten auf agree21, beginnend 2018 mit der Sparda-Bank Berlin; abgeschlossen wurde dieses Vorhaben im Oktober 2025 mit der Sparda-Bank West. Die Stärke des Ansatzes liegt in Wiederholbarkeit und Beherrschbarkeit: Jede Migration nach demselben Muster senkt die Fehleranfälligkeit der nächsten.

Die Finanz Informatik konzentriert sich vor allem auf Sparkassen, bewältigt aber auch komplexe Migrationen großer Institute, etwa 2019 die Hamburger Sparkasse auf OSPlus und 2023 mit der Investitionsbank Sachsen-Anhalt erstmals ein Förderinstitut außerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe. Bei der Modernisierung setzt sie auf die Erneuerung von Bestandscode und eine modulare statt einer schlagartigen Transformation. Die Stärke liegt in der Genauigkeit, mit der fachliche Besonderheiten abgebildet werden.
Beide Wege haben ihre Berechtigung und ihre Abwägungen. Industrialisierung gewinnt an Tempo und Beherrschbarkeit, kann aber an Grenzen stoßen, wo Standardisierung fachlichen Besonderheiten nicht gerecht wird. Funktionale Tiefe trifft Anforderungen genau, verlangt dafür mehr Abstimmung im Einzelfall.
Welche Erkenntnis beide Wege eint
Beide Dienstleister sehen die Migration als Anlass für Standardisierung und organisatorische Veränderung. Atruvia bezeichnet sie im Bericht als „eine echte Chance“ für die Standardisierung, Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Beide betonen sorgfältige Planung, die frühe Einbindung der Mitarbeitenden und eine Begleitung nach der Umstellung, die Wochen bis Monate dauern kann.
Der Kern dahinter: Eine Migration bringt jeden Prozess auf den Prüfstand. Jeder gewachsene Ablauf, jede Sonderlösung, jede ungeschriebene Regel wird sichtbar und muss bewertet werden: behalten, ändern oder abschaffen. Die Migration ist damit eine erzwungene Inventur der gesamten Prozesslandschaft, anstrengend, aber zugleich die Gelegenheit, sich von Altlasten zu trennen.
Warum eine Migration die Chance zur Vereinfachung ist
Wer die Migration nur als technisches Projekt begreift, das alte Prozesse möglichst unverändert überführt, schleppt die gewachsene Komplexität mit und landet in einem neuen System, das genauso unübersichtlich ist wie das alte. Wer sie als Anlass zur Vereinfachung nutzt, kommt mit schlankeren, klareren Prozessen heraus, als er hineingegangen ist.
Vereinfachung verlangt die Bereitschaft, sich von liebgewonnenen Sonderlösungen zu trennen und Abläufe zu hinterfragen, die seit Jahren so laufen, wie sie laufen. Diese Bereitschaft ist die eigentliche Hürde, denn sie berührt nicht die Technik, sondern die Organisation und ihre Gewohnheiten. Der bleibende Gewinn einer gut geführten Migration liegt deshalb weniger im neuen System als in den vereinfachten Prozessen, die das Projekt überdauern.
Besonders sichtbar wird das im Datenbestand. Zwei Schreibweisen, zwei Merkmalskataloge und zwei Betreuerlogiken nach einer Fusion erzeugen Dubletten und verwaiste Zuordnungen, die später jedes Vertriebsmodell verzerren, wie der Beitrag zu Affinitätsmodellen und Datenqualität im Kernbanksystem zeigt.
Welche Rolle der IT-Dienstleister spielt und welche das Institut
Der IT-Dienstleister liefert Plattform und Methodik, die fachliche Entscheidung über Prozesse kann er dem Institut nicht abnehmen. Welche Abläufe mitgenommen, geändert oder abgeschafft werden, bleibt Aufgabe des Instituts, und genau diese Klärung entscheidet über den Erfolg.
Oft entsteht hier eine Lücke. Das Institut verlässt sich darauf, dass der Dienstleister die Migration schon richten wird, und vernachlässigt die eigene Prozessarbeit. Der Dienstleister wiederum setzt voraus, dass das Institut weiß, welche Prozesse es will. Dazwischen bleibt die fachliche Klärung liegen, und dort entstehen die teuren Verzögerungen. Die Fachbereiche gehören deshalb als Mitgestalter ins Projekt, nicht nur als Lieferanten von Anforderungen, denn nur sie kennen die Abläufe einschließlich der ungeschriebenen Regeln und Sonderfälle.
Was die Migration für Automatisierung und KI bedeutet
Eine Migration entscheidet auch darüber, wie gut sich Prozesse danach automatisieren lassen. Standardisierte Abläufe und saubere Daten sind die Voraussetzung, damit KI-gestützte Workflow-Automatisierung und KI-Agenten auf der neuen Plattform wirken. Wie Institute ihre Architektur dafür an den Rändern öffnen, ohne das Kernsystem zu ersetzen, beschreibt der Beitrag zu Headless-Architekturen in der Agentic-AI-Ära. Einen Überblick über die KI-Werkzeuge der Verbünde bietet der Beitrag zu S-KIPilot, plainGPT und genoGPT, einen Vergleich der KI-Ansätze in beiden Verbünden der Beitrag Genossenschaftsbanken vs. Sparkassen: Wer hat die bessere KI-Strategie.
Was Institute vor einer Migration klären sollten
Vor jeder Migration steht nicht die Technik, sondern die Klärung der eigenen Prozesse:

Die Prozesslandkarte erstellen und jeden Ablauf als notwendig, vereinfachbar oder verzichtbar einordnen.
Sonderlösungen sichtbar machen, einschließlich individueller Datenverarbeitung und ungeschriebener Regeln, und über jede bewusst entscheiden.
Fachbereiche als Mitgestalter benennen, mit Zeit und Mandat für die Prozessarbeit.
Die Datenbereinigung vor der Umstellung planen, insbesondere Dubletten und Zuordnungen nach Fusionen.
Die Phase nach der Umstellung einplanen, mit Begleitung der Mitarbeitenden über Wochen bis Monate.
Häufige Fragen
Worin unterscheiden sich die Migrationsansätze von Atruvia und Finanz Informatik?
Atruvia setzt auf ein industrialisiertes, serielles Migrationsmodell, die Finanz Informatik auf funktionale Tiefe und eine modulare Modernisierung von Bestandscode. Beide sehen die Migration als Anlass zur Standardisierung von Prozessen.
Ist eine Kernbankmigration ein IT-Projekt?
Nur zum Teil. Die Technik liefert die Plattform, der größere Aufwand liegt in der fachlichen Klärung, welche Prozesse mitgenommen, geändert oder abgeschafft werden.
Wie lange dauert die Begleitung nach der Umstellung?
Laut den beiden Dienstleistern kann die Begleitung nach der Umstellung Wochen bis Monate dauern. Sie gehört deshalb von Anfang an in die Projektplanung.
Weitere Beiträge zu Kernsystemen, Datenarchitektur und Datenqualität bündelt das Dossier Daten & Kernsysteme.
Wie viel gewachsene Komplexität in einer Migration mitreisen würde, lässt sich oft schon an der Zahl der Sonderlösungen ablesen, die niemand mehr ganz erklären kann. Über ein erstes Gespräch zu diesem Thema freuen wir uns.

Dominik Winkel
Gründer & Managing Partner, Sotica. Partner für Wandel in der Finanzbranche. Von der Herausforderung bis zur Lösung im Tagesgeschäft.
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